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Humboldt-Universität zu Berlin - bologna.lab - Neue Lehre. Neues Lernen

Humboldt-Universität zu Berlin | bologna.lab | Begleitende Forschung | Forschung | Forschungsprojekt ForschenLernen (2014-2018)

Forschungsprojekt ForschenLernen (2014-2018)

 

Das Forschungsprojekt ForschenLernen startete im Oktober 2014 und wurde mit einer Laufzeit von dreieinhalb Jahren vom Bildungsministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanziert (FKZ 01PB14004/B).

 

Kurzbeschreibung

Kurzbeschreibung

 

ForschenLernen war ein Verbundprojekt der HU Berlin, der Fachhochschule Potsdam und der LMU München und befasste sich mit der Analyse der Umsetzung und Wirkung von Forschendem Lernen in Projekten des Qualitätspakts Lehre (QPL). Das bologna.lab führte in diesem Rahmen das Teilprojekt "Domänenspezifische Forschungskompetenz" durch.

 

Grundlegend ging es in unserem Teilprojekt um die Frage, inwieweit die Teilnahme an Forschendem Lernen zu einer (Weiter-)Entwicklung sozialwissenschaftlicher Forschungskompetenz beitragen kann. Dazu wurden in einem ersten Schritt zwei Facetten von Forschungskompetenz identifiziert und modelliert. In einem zweiten Schritt wurden diese Kompetenzmodelle genutzt, um die Wirkungen Forschenden Lernens in einer breit angelegten Wirkungsanalyse zu untersuchen.

 

Modellierung und Operationalisierung von Forschungskompetenz
Zwei Facetten von Forschungskompetenz wurden anhand von Experteninterviews identifiziert: zum einen die kognitive Facette, also das zum Forschen erforderliche Wissen, zum anderen die affektiv-motivationale Facette, also die motivationalen Voraussetzungen, die Studierende benötigen, um in den Sozialwissenschaften forschen zu können. Beide Facetten wurden im Projektverlauf erfolgreich modelliert (siehe Ergebnisse). Für die identifizierten Teilkompetenzen wurden Testinstrumente entwickelt und validiert. Diese wurden später in der Wirkungsanalyse zum Forschenden Lernen eingesetzt.

 

Wirkungsanalyse zum Forschenden Lernen
Das Kernstück unseres Projekts bildete die Wirkungsanalyse von Forschendem Lernen. Zur Analyse des Potentials von Forschendem Lernen für die Entwicklung von Forschungskompetenz war eine breit angelegte Datenerhebung erforderlich. Daher wurden im Sommersemester 2016 und im Wintersemester 2016/17 Daten an zehn deutschen Universitäten in insgesamt 74 sozialwissenschaftlichen Lehrveranstaltungen erhoben. Alle einbezogenen Lehrveranstaltungen wurden im Format Forschenden Lernens umgesetzt. Die teilnehmenden Studierenden (N = 1.029) wurden zweimal befragt, einmal zu Beginn des Semesters (Prä-Test) und einmal zum Ende des Semesters (Post-Test), so dass Entwicklungen der Forschungskompetenzen im Zeitverlauf nachgezeichnet werden konnten. Zusätzlich wurden auch die Lehrenden (N = 63) zu verschiedenen Merkmalen ihrer Lehrveranstaltung befragt (z. B. methodische Strenge, studentische Freiräume bei der Wahl der Forschungsfrage, Lernziele).

 

 

 

Die Ergebnisse unseres Projekts lassen sich in vier Bereiche gliedern:

1. Modellierung von Forschungskompetenz

Im Projekt wurden mithilfe von Experteninterviews (N = 20) zwei Facetten von Forschungskompetenz in den Sozialwissenschaften modelliert. Die kognitive Facette umfasst drei Wissensbereiche: methodisches, methodologisches und forschungspraktisches Wissen. Für die Erfassung der kognitiven Facette wurde ein Kompetenztest mit 27 Items entwickelt und pilotiert (siehe Materialien).

Die affektiv-motivationale Facette bildet motivationale Voraussetzungen ab, die benötigt werden, um einen Forschungsprozess aufzunehmen (z. B. Forschungsinteresse, epistemische Neugier) und um auftretende Herausforderungen bewältigen zu können (z. B. Frustrationstoleranz, Ungewissheitstoleranz). Für die Erfassung der affektiv-motivationalen Kompetenzfacette wurden die identifizierten Konstrukte anschließend als Selbsteinschätzungs-Fragebögen operationalisiert (siehe Materialien).

2. Umsetzungstypen Forschenden Lernens

Eine unserer Teilfragen war es, wie Forschendes Lernen in der sozialwissenschaftlichen Lehrpraxis umgesetzt wird. Zur Beantwortung dieser Frage wurden die Daten aus der Lehrendenbefragung genutzt, um die Lehrveranstaltungen nach Umsetzungstypen gruppieren zu können. Dafür wurde eine Clusteranalyse durchgeführt, in die neun zentrale Umsetzungsmerkmale einbezogen wurden. Im Ergebnis konnten fünf verschiedene Umsetzungstypen von Forschendem Lernen identifiziert werden. Diese Typen unterschieden sich insbesondere bezüglich des zugrundeliegenden Lernziels: In zwei der identifizierten Typen fungiert Forschendes Lernen verstärkt als didaktisches Mittel verbunden mit dem Ziel, thematisches (Typ 1) oder methodisches Wissen (Typ 2) zu erwerben. Typ 3 zielt darauf, dass sich Studierende bei geringer methodischer Strenge im Forschen erproben können. Mehr methodische Strenge wird in Typ 4 angelegt, bei dem Studierende das Forschen lernen sollen. In Typ 5 schließlich sollen die Studierenden möglichst realitätsnah Forschungserfahrungen sammeln, also selbständig eigene Fragen verfolgen und bearbeiten.

3. Wirkungsanalyse Forschenden Lernens

Um zu analysieren, inwieweit sich die Forschungskompetenzen von Studierenden durch die Teilnahme an Forschendem Lernen weiterentwickeln, wurden die in der Wirkungsanalyse erhobenen Daten mit Latent Change Modellen ausgewertet. Latent Change Modelle wurden gewählt, da diese intraindividuelle Veränderungen über die Zeit messfehlerbereinigt abbilden können. Über alle einbezogenen Lehrveranstaltungen hinweg zeigten die Analysen, dass sich die kognitive Facette sozialwissenschaftlicher Forschungskompetenz signifikant weiterentwickelt, die Studierenden also zunehmend forschungsrelevantes Wissen erwerben. Die affektiv-motivationalen Teilkompetenzen veränderten sich teilweise nicht; teilweise war auch eine negative Veränderung zu beobachten. So nahmen beispielsweise die Freude am Forschen und die wahrgenommene Bedeutung von Forschung über die Teilnahme an Veranstaltungen Forschenden Lernens leicht ab.

Die Ergebnisse der Wirkungsanalyse wurden im Rahmen eines „Transferworkshops“ mit den beteiligten Verbund- und Projektpartnern im September 2017 diskutiert. Das Programm des Workshops kann hier eingesehen werden. PDF document icon

4. Systematic Review zu Wirkungen Forschenden Lernens
Ausgehend von unseren domänenspezifischen Analysen in den sozialwissenschaftlichen Fächern ging es in einem weiteren Schritt darum, unsere Ergebnisse mit Erkenntnissen aus anderen Disziplinen abzugleichen. Zu diesem Zweck wurde Ende 2017 die Arbeit an einem Systematic Review zur Kompetenzentwicklung durch Forschendes Lernen im domänenübergreifenden Vergleich begonnen. Relevante Studien wurden anhand der Datenbanken PsycInfo, ERIC und WoS identifiziert (N = 2.213). Ein Großteil dieser Studien wurde mithilfe einer eigens entwickelten Software, die auf Methoden des maschinellen Lernens zurückgreift, kategorisiert. Im Ergebnis wurden insgesamt n = 326 Studien anhand ihres Abstracts inkludiert. In einem weiteren (allerdings noch nicht abgeschlossenen) Arbeitsschritt geht es darum, die Volltexte dieser Studien zu sichten und zu analysieren. Das Review soll auf dieser Datengrundlage einen bisher fehlenden systematischen Überblick über die Wirkungen und Wirkweisen von Forschendem Lernen im überfachlichen Vergleich bieten.

 

Materialien

Materialien

 

Wie kann das Forschungswissen von Studierenden erhoben werden?
Um zu erheben, über welches forschungsbezogene Wissen Studierende verfügen (kognitive Facette von Forschungskompetenz) wurde ein Kompetenztest mit 27 Items entwickelt, der in Form kleiner Vignetten verschiedene Wissensdispositionen abfragt. Die Bearbeitung des gesamten Tests dauert etwa 35 Minuten. Der komplette Test kann bei uns erfragt werden.
Wie können motivationale Voraussetzungen erhoben werden, die Studierende zum Forschen benötigen?

Für die Erfassung von motivationalen Voraussetzungen für Forschung (affektiv-motivationale Facette von Forschungskompetenz) wurde für jede Disposition ein Selbsteinschätzungsfragebogen entwickelt. Das Inventar kann für eigene Forschungs- und Lehrzwecke unter Nennung unserer Arbeitsgruppe gerne verwendet werden. Wir würden uns jedoch über eine entsprechende Rückmeldung zum Testeinsatz freuen.

Wie wird Forschendes Lernen in der Praxis umgesetzt und wie können diese Gestaltungsmerkmale erhoben werden? Unsere Analysen zeigen, dass Forschendes Lernen nicht per se wirksam ist. Die Entwicklung des Forschungswissens und der motivationalen Voraussetzungen der Studierenden hängen vielmehr davon ab, wie Forschendes Lernen gestaltet ist. Diese Gestaltungsmerkmale haben wir einerseits aus Sicht der Studierenden, andererseits aus Sicht der Lehrenden erhoben. Erhebungsinstrumente:
Welche Software nutzen wir zur Klassifizierung von Publikationen für Systematic Reviews?
Für die maschinelle Kodierung einer großen Anzahl von Publikationen zur Durchführung eines Systematic Reviews haben wir eigens eine Software entwickelt. Diese nutzt Prinzipien des maschinellen Lernens und lernt anhand eines manuell kodierten Trainingssets eigenständig, welche Artikel in das Review inkludiert oder exkludiert werden sollen. Die Güte der maschinellen Kodierung haben wir anhand einer manuellen Stichprobe bestätigen können: keine der relevanten Studien wurde fälschlicherweise ausgeschlossen. Die Software könnte somit in Zukunft auch anderen Projekten eine Menge Zeit ersparen.

Weitere Details und der Quellcode können bei uns erfragt werden.

 

Veröffentlichungen

Veröffentlichungen

 

Publikationen

 

Wessels, I., Rueß, J., Jenßen, L., Gess, C., & Deicke, W. (2018). Beyond Cognition: Experts’ Views on Affective-Motivational Research Dispositions in the Social Sciences. Frontiers in Psychology.

Sonntag, M., & Rueß, J. (2018). Motivation zum Forschenden Lernen Wie können Studierende zum eigenständigen Forschen motiviert werden? Erfahrungen aus den Q-Tutorien an der Humboldt-Universität zu Berlin. In J. Lehmann & H. Mieg (Eds.), Forschendes Lernen: Ein Praxisbuch (pp. 21–35). Potsdam: FHP-Verlag.

Sonntag, M., Rueß, J., Ebert, C., Friederici, K., Schilow, L., & Deicke, W. (2018). Forschendes Lernen im Seminar: Ein Leitfaden für Lehrende (2nd ed.). Berlin: bologna.lab der Humboldt-Universität zu Berlin.

Gess, C., Wessels, I., & Blömeke, S. (2017). Domain-Specificity of Research Competencies in the Social Sciences: Evidence from Differential Item Functioning. Journal for Educational Research Online/Journal Für Bildungsforschung Online, 9(2), 11–36.

Gess, C., Deicke, W., & Wessels, I. (2017). Kompetenzentwicklung durch Forschendes Lernen. In H. Mieg & J. Lehmann (Eds.), Forschendes Lernen: Wie die Lehre in Universität und Fachhochschule erneuert werden kann (pp. 79–90). Frankfurt: Campus Verlag.

Wessels, I. (2017). Ungewissheitstoleranz im studentischen Forschungsprozess. In H. Laitko, H. A. Mieg, & H. Parthey (Eds.), Forschendes Lernen: Wissenschaftsforschung Jahrbuch 2016 (pp. 123–136). Wissenschaftlicher Verlag Berlin.

Vorträge

Rueß, J., Wessels, I., & Gess, C. (2017). Forschungsbezogene Lehre und Forschendes Lernen: Was sind die Unterschiede? Welche Kompetenzen werden erworben? Berlin: Ringvorlesung der Professional School of Education an der Humboldt-Universität zu Berlin, 02.05.2017.

Wessels, I. (2017). Forschendes Lernen in den Sozialwissenschaften: Systematisierung und Kompetenzentwicklung. Vortrag gehalten auf der Konferenz “Exploring the Practices of Academic Teaching and Learning”, 09. Juni 2017, Universität Bremen.

Wessels, I. (2017). Kompetenzerwerb durch Forschendes Lernen. Oldenburg: Vortrag an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, 27.07.2017.

Wessels, I., & Rueß, J. (2017). Welche Kompetenzen werden durch die Teilnahme am Forschenden Lernen erworben? Erste Ergebnisse einer Wirkungsanalyse an zehn Universitäten. Berlin: Vortrag auf dem Abschlussworkshop der Verbundprojekte ForschenLernen, FideS und ihrer Projektpartner, 19.09.2017.

 

 

Abbildungen: Kathrin Friederici