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Humboldt-Universität zu Berlin - bologna.lab - Neue Lehre. Neues Lernen

Ein Erfahrungsbericht

Die Studentin Peggy Luck begleitet das interdisziplinäre Studienprogramm »Vielfalt der Wissensformen« bereits seit seiner Geburtsstunde im Sommersemester 2012. In einem persönlichen Bericht erzählt sie von dem neu geschulten Blick für das aus verschiedenen Fäden gesponnene Netz des Wissens.

 

Auf »Vielfalt der Wissensformen« stieß ich durch einen plötzlichen interdisziplinären Stöberanfall. Mit meinem musikwissenschaftlich-germanistischen Studium war ich beinahe fertig, wollte die Lücken in meinem Stundenplan füllen und schaute die Vorlesungsverzeichnisse anderer Institute durch. Ich wurde auf ein Seminar namens „Wissensarchitekturen“ aufmerksam, das die Möglichkeit versprach, verschiedene Gebäude der Humboldt-Universität kennenzulernen und zu erforschen, wie der jeweilige Wissenschaftszweig dort hineinkam und -passt, wie Wissen(schaft) an diesen Orten – teils gezielt, teils unbeabsichtigt – inszeniert und organisiert wird.

Diese war die erste von vielen folgenden »Vielfalt der Wissensformen«-Veranstaltungen, die etwas meiner Ansicht nach sehr Essentielles leisten: Sie zeigen, wie dünn die Linie zwischen den akademischen Disziplinen ist, selbst wenn sie in unterschiedlichen Gebäuden oder sogar Stadtteilen untergebracht sind.

Wenn wir mit oben geschildertem Seminar die Räume der HU erforschten, waren wir nicht Kultur- oder Musikwissenschaftler oder Informatikerinnen – wir tätigten kunstgeschichtliche und architektonische Einordnungen, suchten in Archiven nach Bauplänen, identifizierten Materialien und informierten uns, wann sie hauptsächlich eingesetzt wurden; wir fanden uns in den Köpfen von Architekten wieder und auch in denen von Leuten, die nur begrenzte Mittel für Renovierungen übrig haben. Wir konnten eine andere Art des Sehens lernen, die in dem, was uns so selbstverständlich umgibt, das Gewordene und Gewachsene erkennbar macht, und nicht selten auch die Schere zwischen reiner Idee und pragmatischer Notwendigkeit.

Sicherlich kann man sich nicht in einer einzigen Lehrveranstaltung die Perspektive einer ganz anderen Disziplin erschließen, doch in Vorlesungen wie „Die Figur des Richters“ oder Seminaren wie „Wahnsinnsapparate“ bekommt man ein Gespür dafür, wie die Dinge und Menschen ein großes Geflecht bilden, das in der Kombination verschiedener Perspektiven und Wissensarten ganz anders erfasst werden kann. Mit einem jener merkwürdigen (zu Beginn des 20. Jahrhundert recht verbreiteten) Apparate beispielsweise, der anhand der aufgezeichneten Zitter-Bewegungen einer Hand Geisteskrankheiten diagnostizieren sollte, kann ich (studiengangabhängig) vieles machen: die Wirkungsweise physikalisch erklären, seine Bedeutung in der frühen psychiatrischen Medizin historisch einordnen, die irrtümlichen Überzeugungen seines Erfinders kulturgeschichtlich auswerten, den Ausschluss der Patientinnen aus der Öffentlichkeit foucault'sch-kritisch betrachten, usw. – aber letzten Endes treffen sich alle diese Stränge untrennbar an genau einem Punkt in der Geschichte: an dem Punkt, der genau jene Apparate hervorbringt und sie als dingliche Symptome der Diskurse, Denkweisen und Möglichkeiten ihrer jeweiligen Zeit  manifestiert.

Die Möglichkeit, diesen Verstrickungen und Verwicklungen des Wissens nachzugehen, habe ich in meinem Studium erst durch »Vielfalt der Wissensformen« bekommen. Theoretisch war mir das bereits vorher klar: Auch die Musikstücke, deren Form ich im Studium analysierte, schweben nicht im luftleeren Raum – der Komponist hatte vielleicht Auftraggeberinnen, äußere Anlässe; sie verhalten sich zu einer musikalischen Tradition; aber die Geschichte hatte auch bereits ein musikalisches Grundsystem mit Tonarten, Instrumenten, Interpreten hervorgebracht, und womöglich nicht zuletzt eine Kulturindustrie – dennoch fand ich in meinem Studiengang nicht den Raum, mehreren dieser verschiedenen Stränge gleichzeitig zu folgen. Diesen Raum bot mir die »Vielfalt der Wissensformen«, die mir durch die Beschränkung auf ein einziges oder wenige Objekte vieldimensionale Einsichten und eine andere und sehr eigenständige Art des Lernens ermöglichte.